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Zum Jahr des Hahns: Probleme und Lösungen in der deutsch-chine­si­schen Kommu­ni­ka­tion

Ein Mann und eine Frau schütteln sich die Hände vor einem Aufsteller der TFU mit einem Bild von einem Drachen.

Unsere chine­si­schen Freunde feiern das neue Jahr, das im Zeichen des Hahns steht. Ganz herzliche Grüße, viel Erfolg und alles Gute! Und es gibt Geschenke für uns China-Inter­es­sierte — einen Beitrag unserer Freundin Lily Lue, Inter­kul­tu­relle Trai­nie­rin

Lily lue China 170130

Probleme und Lösungen deutsch-chine­si­scher Kommu­ni­ka­tion

Erläutert anhand von Beispie­len unter inter­kul­tu­rel­ler Perspek­tive

Von Lily Lue

Auf der Manage­ment­sit­zung eines deutsch-chine­si­schen Joint Ventures verkün­dete der CEO am Anfang der Sitzung jedes Mal folgende Regel: Bitte nicht unter­ein­an­der reden solange jemand spricht.

An dieser Sitzung nahmen sowohl deutsche als auch chine­si­sche Manager teil, weswegen man mit Dolmet­schern arbeitete. Während ein deutscher Kollege redete, sprachen die chine­si­schen Kollegen aber unter­ein­an­der. Der deutsche CEO reagierte darauf ärgerlich, da er meinte, die chine­si­schen Kollegen würden unter­ein­an­der Infor­ma­tio­nen austau­schen. Daher wieder­holte er diese Sitzungs­re­gel mit Nachdruck.

Die chine­si­schen Kollgen regierten darauf mit Antipatie und dachten still­schwei­gend: “Wir reden unter­ein­an­der, da wir bestimmte Hinter­grund­in­fos austau­schen müssen, um das ganze besser zu verstehen. Die Rede vom CEO muss sowieso übersetzt werden. Ihr redet auch oft ewig auf Deutsch unter­ein­an­der und wir haben aber dagegen nichts gesagt, um Euer Gesicht zu wahren.”

Eine Sitzungs­re­gel – auch so kleine Sachen können bereits negative Gefühle von beiden Seiten hervor­ru­fen. Der deutscher CEO ist der Meinung, die Chinesen tauschen für sich unter­ein­an­der Infor­ma­tio­nen aus, ohne diese mit allen zu teilen. Die chine­si­schen Kollegen denken wiederum, der deutsche CEO hätte  kein Vertrauen zu ihnen, da er diese Sitzungs­re­gel immer wieder­holt. Miss­trauen unter­ein­an­der wächst.

Vertrauen ist das A und O der zwischen­mensch­li­chen Beziehung. Miss­ver­ständ­nis führt zu Miss­ver­trauen. Das Vertrauen beein­flusst die Leistung, die zwischen­mensch­li­che Beziehung sowie die körpe­ri­i­che und geistige Gesund­heit eines Indi­vi­dums und auch die Produk­ti­vi­tät der Orga­ni­sa­tion.

Die Forschung des ange­se­he­nen inter­kul­tu­rel­len Kommu­ni­ka­ti­ons­for­schers Geert Hofstede zeigt, dass in der chine­si­schen Kultur mehr Wert auf Beziehung gelegt wird, während in der deutschen Kultur eher die Thematik bzw. die Aufgabe dominiert. Man spricht hierbei von Sach- und Bezie­hungs­ori­en­tie­rung.

Lassen Sie uns im folgenden drei Aspekte näher betrach­ten, welche inter­kul­tu­relle Kommu­ni­ka­tion zwischen Deutschen und Chinesen beein­flus­sen:

Sach- bzw. Bezie­hungs­ori­en­tie­rung

In unserem Beispiel war dem deutschen CEO nicht bewusst, dass die wieder­holte Ankündung der Sitzregel den chine­si­schen Kollegen sehr unan­ge­nehm war.

Die bezie­hungs­ori­en­tier­ten chine­si­schen Kollegen wollten die Atmo­sphäre nicht stören und haben daher nicht darauf hinge­wie­sen, dass sie sich ebenfalls unwohl fühlten, als die Deutschen unter­ein­an­der auf Deutsch redeten. Den Deutschen war jedoch überhaupt nicht bewusst, dass die chine­si­schen Kollegen ihr Verhalten still­schwei­gend tole­rier­ten.

“Man weiß nicht, was man nicht weiß.”

In einem multi­kul­tu­rel­len Team kommu­ni­zie­ren und verhalten sich die Mitglie­der sehr unter­schied­lich, jeder befolgt seinen eigenen Kultur­stan­dard, der aus Werten, Glauben, Regeln und Emotionen besteht.

Wir verhalten uns nach unserem Kultur­stan­dard und erwarten, dass andere sich ebenfalls nach unserem Standard richten. Sollten die anderen sich jedoch nicht so verhalten wie wir uns wünschen, sind wir oft verärgert und miss­trau­isch.

Die chine­si­chen Kollegen, welche in ihrer zurückkhal­ten­den und konflikt­ver­mein­den­den Kultur aufge­wach­sen sind, stehen mit ihrem Verhalten hinsicht­lich Kommu­ni­ka­tion und Problem­lö­sung bei Begeg­nun­gen mit Menschen deutscher Kultur vor einer großen Heraus­for­de­rung.

Vielen ist dies bereits bewusst, aber was kann man dagegen tun? Eine Änderung des Verhal­tens ist ein langer Prozess. So wie ein Patient nicht anhand von Fach­bü­chern seine eigene Krankheit heilen kann, so sollte auch bei der Über­win­dung inter­kul­tu­rel­ler Konflikte am besten mit Hilfe von erfah­ren­den und profes­sio­nel­len Beratern gear­bei­tet werden.

Hoch- und Nied­rig­kon­text-Kultur

In der Hoch­kon­text-Kultur ist das Gesagte oft unklar und muss aus dem Kontext abge­lei­tet werden. Man muss deuten, was der Redner wirklich meinte.

Ein chine­si­sches Sprich­wort besagt “Das Gesagte kann nur wahr­ge­nom­men werden, aber nicht in Worte erklärt werden”

Die Deutschen, welche zu niedrigem Kontext tendiert, sagen hingegen sehr direkt (im Vergleich zu Chinesen) was sie wirk­li­chen denken. Der Zuhörer muss nicht raten, was gemeint ist, denn das Gesagte ist auch das Gemeinte.

Ein Beispiel: Wenn ein chine­si­scher Manager, welcher bislang nur in staat­li­chen chine­si­schen Unter­neh­men gear­bei­tet hat sagt, man müsse über den Vorschlag noch nach­den­ken, so bedeutet dies oft eine indirekte Absage.

Wenn jedoch ein deutscher Manager das Gleiche sagt, bedeutet es in der Regel, dass man in der Tat noch darüber nach­den­ken muss. Oft gibt man noch einen bestimm­ten Zeitraum oder ein genaues Datum dazu, bis wann man eine Entschei­dung zu treffen gedenkt.

Hohe und niedriger Kontext, was auch direkte und indirekte Kommu­ni­ka­tion bedeutet, führt oft zu Frus­tra­tion. Wie kann ich meinen Gegenüber verstehen? Wie kann ich mich anpassen und meinem Gegenüber helfen, die Regeln in meinerKul­tur zu verstehen? Diese Fähigkeit und das Bewusst­sein hierfür sowie das dazu­ge­hö­rige Wissen sind Bestand­teile des lebens­lan­gen Lernens.

Power Distance — niedriges und hohes Hiera­chie­den­ken

Der Begriff Power Distance beschreibt, so erklärt Hofstedte, inwiefern Macht nicht konform mit Gleich­be­rech­ti­gung einher­geht, und inwiefern diese Ungleich­heit auch akzep­tiert wird.

Einmal habe ich einen deutschen Manager der Citibank gefragt, was seine größte Heraus­for­de­rung bei der Führung chine­si­scher Mitar­bei­ter ist. Er sagte die größte Heraus­for­de­rung bestehe darin, dass Aufgaben nicht recht­zei­tig erledigt werden und der Grund oft nicht direkt kommu­ni­ziert würde. Aber seine Mitar­bei­ter sprächen doch fließend Englisch und hätten im Ausland studiert, sodass er eigent­lich annähme, solche Regeln würden bekannt sein.

Seine Worte bringen mich zum Nach­den­ken: Offen­sicht­lich haben die chine­si­schen Mitar­bei­ter nicht seine Erwartung erfüllt, obwohl sie „im Ausland studiert haben und fließend Englisch sprechen”. Es ist so selbst­ver­ständ­lich im Augen eines deutschen Chefs, dass die Mitar­bei­ter sich zu Wort melden, wenn sie Schwie­rig­keit bei ihrer Arbeit haben oder auch wenn sie anderer Meinung als der Chef sind.

So selbst­ver­ständ­lich ist dies bei den meisten chine­si­schen Mitar­bei­tern jedoch nicht. Die chine­si­sche Kultur legt großen Wert auf die Hierachie – man stellt die Ansichten und das Verhalten des Vorge­set­zers selten in Frage. Selbst wenn sie Zweifeln daran haben, würden sie diese nicht ausspre­chen, denn zu Hause haben die Eltern das Sagen, in der Schule der Lehrer und bei der Arbeit, selbst­ver­ständ­lich der Vorge­setz­ter. Das Resultat: Lieber die Aufgaben nicht zeitig erledigen, als entge­gen­ge­setzte Meinungen zu äußern oder den Vorge­setz­ter zu infor­mie­ren, welche Probleme sie bei der Durch­füh­rung der Arbeit haben. Daher bedeuten ein Studium im Ausland und die Fähigkeit fließend English zu sprechen nicht auto­ma­tisch, die Werte und die Erwartung des deutschen Chefs auch verstehen zu können, denn das notwen­dige Bewusst­sein fehlt.

Manche sagen, Gene­ra­tio­nen in China, welche nach 1980 geboren sind, würden sich anders verhalten als die Vorhe­ri­gen. Dazu muss beachtet werden, dass solange sich das chine­si­sche Bildungs­sys­tem nicht ändert und das vorherr­schende passive Lern­mo­dell weiter angewand wird, ein “kriti­sches Denken” niemals wirklich umgesetzt wird. Was die deutschen Mitar­bei­ter als Kind in der Schuler gelernt haben, nämlich kriti­sches Ausein­an­der­set­zen und Hinter­fra­gen, wird in chine­si­schen Schulen so nicht vermit­telt. Statt­des­sen gilt das passives Lernen: Das was der Lehrer sagt ist richtig und bei der Noten­ver­tei­lung gilt die Star­dard­lö­sung. Sobald das chine­si­sche Bildungs­sys­tem nicht ändert, wird das Verhalten der chine­si­schen Schüler auch wenig ändern.

In deutschen Schulen wird kriti­sches Denken, wie bereits erwähnt, hingegen sehr geschätzt. Die Meinung der Lehrer darf in Frage gestellt werden und Diskus­sio­nen werden in verschie­de­nen Formen ermög­licht und gefördert. Diese Gewohn­heit setzt sich auto­ma­tisch bei der Arbeit fort, sodass die eigene Meinung auch später gegenüber Vorge­setz­ter ganz natürlich geäußert wird.

In einer hiera­chie­be­ton­ten Kultur gilt das Wort vom Chef. Die Meinung der Mitar­bei­ter wird wenig beachtet. In einer Nied­rig­hiera­chie-Kultur hingegen kann der Mitar­bei­ter seine Meinung äußern. Er ist im Prozess invol­viert und seine Meinung wird gehört, sodass er mit mehr Eigen­in­itia­tive seine Arbeit gestalten kann.

Verhal­tens­än­de­run­gen basieren auf einer Verän­de­rung der Über­zeu­gung. Wenn den chine­si­schen Mitar­bei­tern wirklich bewusst ist, dass konstruk­tive Vorschläge von den deutschen Vorge­setz­ten gewünscht werden, anstatt dass Sie sich dadurch gekränkt und nicht respek­tiert fühlen, und wenn sich der Mitar­bei­ter dabei auch sicher fühlt, verhält er sich so wie der deutsche Vorge­setz­ter es sich von ihm wünscht.

Als Unter­neh­men steht man hierbei vor vielen Heraus­for­de­run­gen. Nur solche, deren Manager dies­be­züg­lich gut vorbe­rei­tet sind, können im Globa­li­sie­rungs­pro­zess auf Dauer mithalten.

Lily Lue, General Manager of SML Business Consul­ting

Master of Business Admi­nis­tra­tion, Frankfurt Univer­sity of Applied Sciences. Master of German Studies, Shanghai Inter­na­tio­nal Study Univer­sity, Certified inter­na­tio­nal profes­sio­nal managers trainer, has over 20 years expe­ri­ence of Sino­Ger­man coope­ra­tion. Trainer and consul­tant for inter­cul­tu­ral commu­ni­ca­tion, leader­ship and team­buil­ding. email: lily.lue@smltranslation.com | www.smltranslation.com


 

Veröffentlicht am 30. Januar 2017 von International

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